Der Chaosmarathon um den Baldeneysee

Am 11.10.2026 fand der 64. Westenergie Marathon in Essen (Ruhe) statt. Eine wunderschöne Strecke, die zweimal um den Baldeneysee führt. Ich liebe solche Landschaftsläufe. Für mich sind sie angenehmer als Läufe in Städten, bei denen es manchmal mehr um das eigene Ego und die Likes auf SocialMedia geht als um eine schöne Zeit mit körperlicher Aktivitätan der frischen Luft. Sei’s drum - dies soll ein Sportbericht und keine Abrechnung mit der Gesellschaft werden.

Zunächst ein paar Infos zu dem Lauf, da er vielleicht nicht jeder Person direkt bekannt ist. Der Marathon findet in der Ruhrmetropole Essen statt. Ausrichter ist der Turn- und Sportverein Essen-Margarethenhöhe e. V. 1926 - kurz TUSEM Essen.  Bei dem Baldeneysee handelt es sich um einen Stausee an der Ruhr, der sich knapp 5 km Luftlinie südlich vom Stadtzentrum Essens befindet und eine beliebte Freizeitumgebung für Segler, Ruderer usw. ist. Neben dem Marathon finden ein Staffelmarathon (die Staffelläufer werden teilweise mit einer Fähre auf die andere Seite des Sees gebracht - traumhaft) und eine einfache Seerunde statt. Bei der Seerunde wird einmal um den Baldeneysee gelaufen. Das sind rund 18,58 km.

Zur Strecke: Der Marathon führt zweimal um den See. Damit die Läufer auf die offizielle Marathonstrecke von 42,195 km kommen, gibt es entsprechende Wendepunkte auf der Strecke. Zur besseren Erklärung ist anbei der Streckenplan abgebildet.

Am Tag vorher geht es los nach Essen. Die Übernachtung folgt bei Verwandten, die ganz in der Nähe zum Start wohnen. Das erleichtert die Planung am Tag des Laufens. Die Startunterlagen wurden von einem meiner Verwandten bereits am Samstag abgeholt („Sind Sie Josef?“ - „Ja“ - „Hier die Startunterlagen“), sodass ich am Sonntag ganz entspannt an den Start gehen kann. Die Nacht ist okay. Es ist zwar mein fünfter Marathon, aber die Anspannung ist natürlich da. Der Wecker geht um 06:00 Uhr morgens - vier Stunden vor dem Start. Sieben Stunden geschlafen - top. Aufstehen, sanitäre Anlagen aufsuchen und Toast, bzw. Milchbrötchen mit Marmelade frühstücken. Es wird das gegessen, was auch im Training vor jedem Long Run gegessen wird – keine Experimente am Wettkampftag. Dazu ausreichend trinken, aber nicht zu viel, um einen Wasserbauch zu vermeiden. Am Samstag hat es fast den ganzen Tag geregnet. Auch zwischen 06:00 Uhr und 07:00 Uhr morgens prasselt der Regen an die Fensterscheiben. Ich schaue auf den Regenradar meiner Wetterapp (wie oft habe ich diese Woche diese verdammte App aufgemacht). Jetzt Regen, später trocken und erst gegen Nachmittag wieder Regen. Bis dahin sollte ich längst unter der warmen Dusche sein – perfekt. Der Regen verzieht sich langsam und die ersten Sonnenstrahlen kommen heraus. Das Haus wird langsam wach. Ein kleiner Plausch am Morgen hilft, mich abzulenken. Noch einmal auf’s Klo und dann gehtes eine gute Stunde vor dem Start zum Veranstaltungsgelände.

Als ich ankomme, sind bereits viele Teilnehmende da. Na klar, die Seerunde beginnt eine Viertelstunde vor unserem Lauf. Ich gehe entspannt auf das Gelände, was mir bisher unbekannt war und versuche, mich zu orientieren: Da kann ich meine Wechselkleidung abgeben, da sind Toiletten, hier kann ich mich umziehen. Noch ist es nasskalt. Ich versuche, so langewie möglich in meinen dicken Klamotten zu bleiben, um nicht auszukühlen. Eine Dreiviertelstunde vor dem Start wird noch eine Banane verputzt. Dann wird sich in einem einfachen Malteser-Zelt umgezogen, bzw. werden nur Jacken und lange Hose ausgezogen. Die Sportklamotten habe ich schon drunter. Kurzer Schnack mit den Personen um einen herum „und, welche Zeit hast Du dir vorgenommen?“ - „3 Stunden 30.“ - „Cool, ich auch. Wir sehen uns auf der Strecke“. Dann wird sich warmgemacht. Nach kurzer Zeit finde ich eine Allee etwas abseits des ganzen Trubels. Ich sehe die Fähre, mit der die ersten Staffelmarathonis über den See gebracht werden. Die Sonne kommt raus und lässt das Wasser des Sees glitzern. Die goldene Farbpracht der Eichen und Buchen lässt Herbstfans ganz auf ihre Kosten kommen. Ja, heute wird Marathon gelaufen – ICH HAB BOCK!

Kurz vor dem Start. Letzte Motivation durch den Veranstalter und kurze Danksagungen durch den Schirmherrn. Wir Teilnehmende wünschen uns gegenseitig einen guten Lauf und scharren mit den Hufen. Da folgt endlich der Startschuss. Endlich geht es los.

Die asphaltiere Strecke ist eng, vielleicht gerade mal 2,00 m bis 3,00 m breit. Beim Start habe ich versucht, mich kurz hinter den beiden 3:30 Stunden Pacern einzusortieren. Ich muss verdammt aufpassen, niemandem in die Hacken zu laufen. Der erste Kilometer ist mit einer Pace von 04:53 Minknapp 10 Sekunden zu schnell, als das, was ich mir vorgenommen habe - nämlich den Marathon in der 51/49 Taktik zu laufen. Naja, hier aus diesem Pulk komme ich sowieso nicht raus. Wenn ich später mehr Platz habe, drossleich das Tempo. Unser 3:30-Stunden-Pulk kommt kurz hinter Kilometer 2 an der ersten Verpflegungsstation vorbei. Huch, ganz schön früh und komplett aufgebaut haben die auch noch nicht. Ich schnappe mir trotzdem einen Becher. Die Mülleimer scheinen noch nicht aufgebaut zu sein. Also versuche ich, den Becher irgendwo bei einer Streckenabsperrung zu hinterlassen. Kurze Zeit später kommt uns das Führungsfahrrad mit viel Geklingel entgegen. Ah, gleich vor uns muss der Wendepunkt „Einführungsrunde“ kommen. Auf dieser schmalen Strecke ist es verdammt schwierig, den Entgegenkommenden Platz zu machen. Manche machen mit den Händen oder Fingern eine drehende Bewegung. Einige verstehen dies als Anfeuerung und Erwidern. Gut 300 m hinter Kilometer drei stoppt auf einmal unser Tross abrupt. Ich komme fast zum Stehen. Das muss der Wendepunkt der Einführungsrunde sein. Ist jemand gestürzt? Zum Glück nicht und ja, hier ist der Wendepunkt der Einführungsrunde - nur 800 m zu spät! Das Führungsfahrrad hat den Wendepunkt verpasst und ist zu weit gefahren! Also alle zurück. Fragen und Wut kommen selbstverständlich bei uns auf. „Wie kann sowas nur passieren?“, „Das war’s mit meiner Zeit!“, „Gibt’s jetzt einen Neustart?“… Es hilft nichts, wir laufen zurück und bei Kilometer 2 der Strecke zeigt meine Lauf-Uhr 3,60 Kilometer an. Unsere Marathonstrecke hat sich gerade um 1,60 Kilometer verlängert. Auch ich stelle mir die Frage, wie ich das Rennen nun angehen soll. Ich habe Vertrauen in mein Training und bin körperlich in einer guten Verfassung. Alsowerfe ich meine 51/49 Taktik über Bord, lasse erstmal laufenund muss aufpassen, nicht zu überpacen. In Gedanken bin ich noch bei meiner Renntaktik, da bahnt sich vor uns das nächste Problem an. Unser 3:30-Stunden-Pulk läuft auf den 3:45-Stunden-Pulk auf, der anscheinend auf die Warnsignale der „Falschläufer“ besser, also früher, reagiert hat als wir. Auf der schmalen Strecke wird uns zunächst bestmöglich Platz gemacht, aber spätestens als die ersten aus unserem Pulketwas robuster durch die Menschentraube hindurch möchten, wird der Raum zu gemacht. Ich überlege kurz, ob ich mich dahinter zunächst einordne und auf einen breiterenStreckenabschnitt warte. Doch da läuft bereits der erste von uns über den Seitenbereich der Strecke und ich tue es ihm kurzerhand nach. Ohne Ausrutschen oder Vertreten setze ich mich vor die 3:45-Stunden-Traube und kontrolliere meine Zwischenzeit bei Kilometer 4 – Pace 04:58 Minuten.

Kurz hinter Kilometer 5 macht ein Gerücht die Runde, dass die beiden noch ausstehenden Wendepunkte verkürzt werden sollen, sodass man zumindest annähernd auf die 42,195 km kommen soll. Ich lausche gespannt. Ab hier kann ich meinen Laufrhythmus perfekt abspulen. Meine Zeiten pendeln sich zwischen 04:58 Minuten und 04:50 Minuten ein. Es gibt nur zwei Ausreißer in den 04:40er Bereich. Der Rhythmus wird nur kurz durch das Gedrängel an der ersten „richtigen“ Verpflegungsstadion gestört. Ich entscheide mich daher, michspätestens vor der nächsten Verpflegungsstation etwas freizulaufen. Auch der erste Anstieg wird mit schnellen langen Schritten ohne Probleme überwunden.

Durch das Freilaufen habe ich die Strecke vor mir und keine Probleme mehr bei den Verpflegungsstationen. Die Einsamkeit stört mich nicht und ich ziehe mein Rennen weiter durch. Meine Laune verbessert sich mit jedem Kilometer. Während ich zwischen Kilometer 16 und 17 an einem Biergarten vorbeilaufe, frage ich gewitzt, ob das auch eine Verpflegungsstation sei. Der Inhaber ruft mir hinterher, ob ich ein Bier möchte, ich antworte: „Auf der zweiten Runde gerne“. Im gleichen Moment bereue ich meine große Klappe.

Es geht auf den nächsten Wendepunkt zu, der verkürzt werden sollte. Und tatsächlich: Er wurde verkürzt. Ich schaue bei der nächsten Streckenabmessung auf meine Lauf-Uhr. Nun bin ich nur noch 600m zu viel gelaufen. Das müsste ich doch schonlocker rausgelaufen sein. Mir ist zu dem Zeitpunkt noch nicht klar, dass ich durch den verkürzten Wendepunkt schlussendlich keinen ganzen Marathon laufen werde.

Bei Kilometer 23 geht es das dritte Mal durch den Startbereich. Die Stimmung ist bestens. Meine Verwandten an der Strecke pushen mich „Durchhalten! Noch eine Runde!“, fremde Menschen rufen meinen Namen. Danke Essen!

Also, Runde zwei um den Baldeneysee. Es läuft weiterhin alles nach Plan, doch wir wissen alle: Ein Marathon fängt erst bei Kilometer 32 an. Und so ist es dann auch bei mir. Nachdem ich die Kilometer 28 und 29 noch mit einer Pace von 04:48 Minuten, bzw. 04:47 Minuten absolviere, ist bei Kilometer 35 eine erste 5er Pace auf der Uhr - genauer gesagt 05:02 Minuten. Jetzt heißt es beißen. Gerne würde ich noch ein Gel zu mir nehmen. Aber nachdem ich bereits vier Gele verzehrt habe, gibt mir mein Magen Zeichen, dass ein fünftes Gel keine gute Idee wäre. Ich versorge mich also mit ausreichend Wasser aus meinem Trinkrucksack oder schnappe mir an den Verpflegungsstationen, wenn möglich, Cola. Meine Zeiten stabilisieren sich zwischen 05:02 Minuten und 05:05 Minuten. Wenn jetzt kein kompletter Einbruch kommt, werde ich PB laufen. Das wird mir mit jedem geschafften Kilometer klarer. Ich hatte befürchtet, dass die zweite Runde vom Kopf her schwerer wird. Dem war zum Glück nicht so. Doch eineletzte Hürde galt es noch zu meistern. Rund um Kilometer 40 zog der Wind vom See aus böig auf die Strecke – kurz gesagt:Kompletter Gegenwind. Das fiel mir bereits in der ersten Runde auf, sodass ich mich in der zweiten Runde mental darauf einstellen konnte. Wenn ich es hier gut durch schaffe, kann mich nichts mehr aufhalten. Und so kam es dann auch.

Jetzt sind es nur noch 1,5 Kilometer bis zum Ziel. Ein verkleideter Jesus jubelt und hält ein Schild hoch: „Das Ende ist nahe!“. Ich schmunzle. Dann nochmal in den Startbereich.Links halten, um auf die Ziellinie zu kommen. Die Stimmung an der Strecke ist phänomenal und trägt mich. Die letzten vier Kurven und dann sehe ich das Ziel am „Seaside Beach“.  Nochmal Gas geben und lächeln für ein schönes Finisher-Foto. Von weitem sehe ich schon die Zeit: Deutlich unter 3 Stunden und 30 Minuten. Beim Gang über die Ziellinie stoppe ich meine Uhr bei genau 03:26:00 Stunden. Offiziell liegt meine Zielzeit bei 03:25:51 Stunden. Ich bin überglücklich und balle die Faust. Einen kleinen Wermutstropfen hat die Sache allerdings. Da die Strecke während des Rennens verändert wurde, ist sie nicht mehr offiziell vermessen. An den Deutschen Meisterschaften im Marathon werde ich mit der Zeit leider nicht teilnehmen können 😉

Der Veranstalter hat inzwischen eine Stellungnahme zum Wendefehler in der Einführungsrunde auf seiner Homepage veröffentlicht (https://westenergie-marathon.de/stellungnahme-falsche-wendung/).