Ironman Italy Emilia Romagna

von Antje Jacobs


<Veronika K.> Der erste Satz meiner Geschichte gehört Thomas: Ich bin dir unendlich dankbar für alles und dass du mir, vor Allem an diesem langen Tag, nicht von der Seite gewichen bist. Ich danke auch euch allen, die mich begleitet haben und für die unendlich vielen lieben Nachrichten. Sowohl vor dem, als auch nach dem Ironman.

Eine Geschichte der Begeisterung für diese Extremsportart, aber auch vom harten Kämpfen und schweren Entscheidungen.

Kurzer Faktencheck vorab: Von insgesamt 3000 Athleten haben es 600 nicht über die Finishline geschafft.

Für mich war der insgesamt 226km langer Weg (3,8km Schwimmen – 180km Rennrad – 42,195 Laufen) nach 202,5km und 12:49 Stunden leider zu Ende. Die Begründung später in meinem Bericht.

Trainingsdaten: In den letzten 8,5 Monaten bin ich 2 045,5km Rennrad gefahren, 790,2km gelaufen, 139,2km geschwommen, habe 23 Stunden auf der Rolle mit Intervallen verbracht, dazu gesellten sich 39 Stunden Krafttraining, Dehn- und Stabiübungen. Ca 5 Wochen davon bin ich krankheitsbedingt ausgefallen, somit reduzierte sich die Trainingszeit auf 7,5 Monate.

Emilia Romagna empfängt uns am Samstag, eine Woche vor dem Ironman mit Sommer, die Adria ist blau, die Sonne scheint. Unsere Anfahrt dauert 2 Tage mit Übernachtung, also ist Sonntag Ausruhen angesagt. Das funktioniert am Strand unter dem Sonnenschirm sehr gut. Es stehen noch 2 Vorbereitungsläufe, eine kurze Radeinheit und Schwimmen an, um sich an alles und vor allem die Hitze zu gewöhnen. Es funktioniert halb gut, mir ist viel übel, ich schreibe alles der Aufregung und der Wärme zu.

Donnerstag, 18.09.2025: Startunterlagen abholen. Ich finde diesen Moment immer sehr emotional. Alles ist so aufregend, der Startbereich, die Finishline, die Wechselzone, alles steht bereit. Die roten Teppiche, laute Musik, man wartet in der ewig langen Warteschlange mit Gleichgesinnten. Mir kommen mehrmals die Tränen, so viele schöne Erinnerungen. Ich halte endlich meinen Rucksack mit meiner Startnummer und der Schwimmkappe in der Hand. Wir stehen im Startbereich am Strand, aus der Megaanlage dröhnt Thunderstruck von AC/DC. Diese Emotionen sind kaum beschreibbar. Am Nachmittag breite ich mein ganzes Gepäck auf dem Bett aus und sortiere es nach Packlisten in die entsprechenden Tüten ein. Diese müssen am Freitag in der Wechselzone abgegeben werden. Also Obacht! Was nicht drin landet, steht mir am Wettkampftag nicht zur Verfügung. Der letzte Vorbereitungslauf heute Nachmittag und kurz Schwimmen.

Freitag, 19.09.2025: Check in, Wechselzone. Die Sonne schallert von oben. Das Tri Bike in die Wechselzone, wieder mal die Luft raus, damit die Reifen nicht platzen. Aufgepumpt wird morgen früh. Die Tüten fürs Laufen und Radfahren an die entsprechenden Haken hängen. Ich verabschiede mich von meinem Rad, schlaf gut und bis morgen 😊 Jetzt nichts wie aus der Sonne raus. Am Ausgang bekomme ich meine „Fußfessel“ wie ich immer liebevoll meinen Chip nenne.

Samstag, 20.09.2025 der Startmorgen: Mein Wecker geht um 3 Uhr. Es wird kein guter Tag, sagt mein erstes Gefühl. Ich habe rasende Kopfschmerzen und mit ist übel. Trotzdem das übliche abspulen. Aufstehen, Kaffee, meinen Haferbrei kochen und bereits mit Ibuprofen runterschlucken. Grundsätzlich gegen meine Prinzipien, aber ich sehe keinen anderen Ausweg. Es geht mir einfach nicht gut. Dann ab in den Triathlon Einteiler, Chip nicht vergessen und mit der letzten Tüte in die Wechselzone. Dort alles aufs Rad anbringen. Trinkflaschen, Nahrung, Radcomputer, Tasche mit Reparaturzeug. Rad aufpumpen und raus an den Strand zu Thomas. Das Meer ist ruhig, gottseidank und es tut sich ein grandios schöner Sonnenaufgang auf. Da kommt der Augenblick, in dem wir uns verabschieden müssen. Thomas muss hinter dem Zaun bleiben und ich suche meine Startgruppe. Jetzt kommt dieser seltsame Moment vor dem Wettkampf. Einerseits bin ich total aufgeregt und andererseits total ruhig, als würde alles wie im Film an mir vorbeigehen. Und egal, wie viele Zusprüche man bekommt, wie viele Freunde und Kollegen mitfiebern. Am Ende springe ich ganz alleine ins Wasser. Alle 3 Sekunden 5 Athleten ins Wasser, rolling Start. Ich bin dran. Ich treffe auf die schönste Schwimmstrecke, die ich je gehabt habe. Die Adria ist blau, ruhig, die Sonne scheint und gottseidank sehe ich keinen einzigen Fisch 😊Meine Kopfschmerzen und vor allem die Übelkeit zwingen mich in den Ausdauermodus zu schalten, an Tempo ist heute nicht zu denken. Die letzte Boje lasse ich hinter mir und ab aufs Rad. Eine Strecke von 180km ist zu bewältigen. Mitten drin eine steile Rampe von ca 2,8km Länge und 12 % Steigung. Diese ist 2 mal zu bewältigen. Kurz vor der Rampe habe ich einen Platten. OK. Ich wechsle ihn. Was ich hier so einfach schreibe ist in der Realität eine nervenzerreißende Probe. Die Sonne brennt, Adrenalin tobt, die Hände zittern. Jetzt bloß nichts falsch machen. Danach bewältige ich die Rampe. Viele gehen hier zu Fuß hoch, einige sitzen mit ihren Rädern am Hang. Yes, ich bin oben! Jetzt die Abfahrt und auf zur zweiten Runde. Ein starker Wind kommt auf und die Hitze scheint gerade unerträglich. Dazu hat Ironman keine Wasserflaschen, die man einfach in die Halter am Rad stecken kann, sondern übliche PET Flaschen. Das heißt, bei jeder Wasserstation anhalten und erstmal Wasser von Flasche zur Flasche umfüllen. Zeit spart das gerade nicht und wir brauchen sehr viel Wasser. Ein zweites Mal die Rampe hoch und wieder runter. Die Beine brennen. Jetzt nur noch 50km. Der Reifen ist zum zweiten Mal platt. Das kann doch wohl nicht wahr sein. Ich bin echt am Verzweifeln und habe das Bedürfnis, das Rad in die Büsche zu werfen. Ich habe Glück, der Bikeservice kommt und übernimmt flott den Reifenwechsel. Also jetzt. 50km noch, vom starken Gegenwind begleitet, erreiche ich just cutt off time die Laufstrecke. Ich habe durch die Pannen insgesamt 42 Minuten auf der Radstrecke verloren. Die Wechselzone ist lang, sehr lang. Laut Auswertung der Uhr 1,8km am Ende insgesamt. Der Lauf: Die erste Runde, die ersten 10km liegen hinter mir. Mir ist ehrlichgesagt kotzübel. Mein Zeitcheck sagt, selbst wenn es weiterhin so läuft, wird es klappen, ich habe 6 Stunden für den Marathon. Aber in der zweiten Runde kommt es schlimmer. Ich habe keine Ahnung was los ist, mein Körper versagt mir den Dienst, der Kopf folgt langsam aber sicher. Ich beschließe zu kämpfen. Mein Kopf kämpft, mein Körper kämpft. Mit der Entscheidung der Entscheidungen. Thomas sieht es in meinem Gesicht und auch auf dem Tracker. Er kommt mir mit dem Rad entgegen. „Es ist OK wenn du hier raus gehst. Ich bin unendlich stolz auf dich, dass du es bis hierhin geschafft hast.“ Es dauert noch 2km, bis ich das Ende akzeptieren kann. Zu diesem Zeitpunkt wird der Straßenrand von Athleten belegt, die hier unter Rettungsdecken, teilweise mit Infusionen liegen und auf den Krankenwagen warten. Dieser hat viel zu tun. Das gibt mir letztendlich den entscheidenden Impuls: Nein! So darf es nicht enden. Ich steige aus. Ich melde mich bei einem Volunteer ab, setze mich an den Straßenrand und es bricht einfach alles durch. So viele Tränen. Thomas fängt mich in seinen Armen auf. Und ich sag euch, ich rieche nicht besonders gut 😊Wir laufen gemeinsam zur Wechselzone, meine Sachen holen. Dort hört man von der Finishline nach und nach: YOU ARE AN IRONMAN! Meinen Namen wird dieser Satz heute nicht begleiten, aber es ist in Ordnung. An diesem langen Tag muss einfach alles passen und ein Quäntchen Glück benötigt man noch dazu. Dieses Mal war es nicht so ganz an meiner Seite.

Sonntag, 21.09.2005: Wir beschließen abzureisen. Mir geht es immer schlechter. Wir machen einen Zwischenstopp in Bayern und es geht nicht anders, ich muss einen Arzt aufsuchen.
Ultraschall, Blutabnahme, die Diagnose ist schnell gefunden: Gallenblasenentzündung. Antibiotika, Schmerzmittel. So schlimm es klingt, mich macht es fast glücklich. Jetzt wird mir einfach alles klar. Diese ganze Übelkeit, die Erschöpfung. Ich hatte so viel an mir gezweifelt. Ich habe alles richtig gemacht. Hart trainiert, gekämpft und am Ende richtig entschieden auszusteigen. Das Gefühl, dass etwas anders, bzw. nicht gut ist hatte Recht. Es schmerzt trotzdem, gerade auch, während ich diese Zeilen schreibe.

IRONMAN! Wir sehen uns wieder! Das ist ein Versprechen.

Zurück